Eine Frachtausschreibung ist der strukturierte Wettbewerb um Transportleistungen: Verlader beschreiben ihr Sendungsaufkommen, Speditionen kalkulieren dafür Tarife, und am Ende steht eine Vergabe. Der Unterschied zwischen einer Ausschreibung, die Geld spart, und einer, die nur Aufwand erzeugt, liegt fast immer in der Datenbasis und in der Methodik des Vergleichs. Dieser Leitfaden beschreibt den kompletten Ablauf – und verlinkt für jeden Schritt die vertiefenden Artikel.
Schritt 1
1. Vorbereitung: Ziele, Scope und Zeitplan festlegen
Eine Frachtausschreibung beginnt nicht bei den Speditionen, sondern intern. Bevor die erste Anfrage rausgeht, muss klar sein, welches Volumen ausgeschrieben wird, welche Relationen und Verkehrsträger dazugehören und welches Ziel im Vordergrund steht: reine Kostensenkung, bessere Servicequalität oder eine breitere Carrier-Basis.
- Scope definieren: Relationen, Verkehrsträger (Stückgut, Teil- und Komplettladung, Paket, See, Luft), Laufzeit und Optionen.
- Zielbild festlegen: Einsparziel in Prozent, Servicelevel, Anzahl der künftigen Dienstleister.
- Zeitplan rückwärts planen: Vergabeentscheidung, Angebotsfrist, Rückfragephase, Versand der Unterlagen.
- Stakeholder einbinden: Logistik, Einkauf, Controlling und – bei größeren Volumina – die Geschäftsführung.
Schritt 2
2. Sendungsdaten aufbereiten: die Basis jeder Ausschreibung
Die Qualität einer Ausschreibung steht und fällt mit den Sendungsdaten. Wer nur Jahresvolumen und Durchschnittsgewichte verschickt, bekommt Angebote, die sich später nicht mit der Realität decken. Gebraucht wird eine saubere Sendungsliste auf Einzelsendungsebene – idealerweise aus den Abrechnungsdaten der letzten zwölf Monate.
- Mindestfelder je Sendung: Datum, Versand- und Empfangs-PLZ/Land, Gewicht, Lademeter oder Paletten, Verkehrsträger, Zuschläge.
- Datenqualität prüfen: fehlende Gewichte, falsche PLZ, doppelte Sendungen und Sonderfahrten bereinigen.
- Nebenkosten transparent machen: Maut, Diesel, Avisierung, Wartezeit, Inselzuschläge – sie entscheiden oft über den echten Preisunterschied.
- Historische Rechnungen abgleichen, damit die Ist-Kosten als belastbare Baseline dienen.
Vertiefung: Speditionsrechnungen und Sendungsdaten automatisch auswerten
Schritt 3
3. Forecast einbauen: nicht die Vergangenheit ausschreiben
Vorjahresmengen beschreiben, was war – nicht, was kommt. Neue Kunden, neue Werke, ein Sortimentswechsel oder saisonale Verschiebungen verändern die Mengenstruktur teils deutlich. Wer den Forecast nicht einbaut, vergibt auf Basis eines Volumens, das es im Vertragsjahr nicht mehr gibt.
- Vertriebs- und Absatzplanung je Region in die Mengenbasis übersetzen.
- Neue Relationen und Standorte als eigene Positionen ausweisen, auch wenn noch keine Historie existiert.
- Was-wäre-wenn-Szenarien rechnen: +10 % Volumen, Wegfall einer Relation, Verschiebung von Stückgut zu Teilladung.
- Mengenkorridore statt Fixmengen kommunizieren – das schafft Verbindlichkeit ohne Scheingenauigkeit.
Vertiefung: Forecast in der Frachtausschreibung richtig nutzen
Schritt 4
4. Ausschreibungsunterlagen und Tariflogik sauber aufsetzen
Angebote sind nur dann vergleichbar, wenn alle Speditionen dieselbe Struktur befüllen. Freie Excel-Formate führen zu Tarifen mit unterschiedlichen Gewichtsstaffeln, Zonen und Zuschlagslogiken – und damit zu einem Vergleich, der nicht funktioniert.
- Einheitliches Preisblatt vorgeben: Zonen, Gewichtsstaffeln, Mindestpreise, Zuschläge, Gültigkeitszeitraum.
- Diesel- und Mautmechanik eindeutig regeln: Index, Basiswert, Anpassungsintervall.
- Servicelevel, Laufzeiten, Track-and-Trace-Anforderungen und Reklamationsprozesse verbindlich beschreiben.
- Rückfragephase mit fixem Enddatum einplanen und Antworten an alle Bieter gleichzeitig verteilen.
Vertiefung: Frachttarife digitalisieren statt in Excel pflegen
Schritt 5
5. Angebote vergleichen: auf Sendungsebene rechnen, nicht auf Tarifebene
Der häufigste Fehler im Vergleich: Tarife werden nebeneinandergelegt und die günstigsten Zellen markiert. Entscheidend ist aber, was die eigene Sendungsstruktur bei jedem Tarif tatsächlich kostet. Erst wenn jede historische Sendung mit jedem Angebot durchgerechnet wird, entsteht ein belastbarer Vergleich.
- Jede Sendung mit jedem Angebot nachrechnen – inklusive Zuschlägen, Mindestpreisen und Rundungsregeln.
- Gesamtkosten je Anbieter, je Relation und je Verkehrsträger gegenüberstellen.
- Bestpreismatrix erstellen: welcher Anbieter ist auf welcher Relation stark, wo liegt der theoretische Bestpreis?
- Ausreißer prüfen: extrem günstige Zellen sind oft Lücken in der Tariflogik, keine echten Einsparungen.
Vertiefung: Frachtangebote richtig vergleichen
Schritt 6
6. Auswertung und Vergabeszenarien: Single- oder Multi-Carrier?
Der rechnerische Bestpreis ist selten die beste Vergabe. Zu viele Dienstleister erhöhen den Steuerungsaufwand, zu wenige schaffen Abhängigkeit. Deshalb werden Vergabeszenarien gerechnet: Hauptspediteur, Zwei-Anbieter-Modell oder relationsbezogene Vergabe – jeweils mit Kosten, Risiko und Aufwand bewertet.
- Szenarien rechnen: Single-Carrier, Hauptspediteur plus Backup, Multi-Carrier je Relation.
- Nicht nur Preis bewerten: Qualität, Kapazität, IT-Anbindung, Nachhaltigkeit und Ausfallrisiko einbeziehen.
- Ergebnis stakeholdergerecht aufbereiten: Logistik braucht Relationen, Einkauf Anbietervergleiche, CFO die Kostenwirkung.
- Vergabeentscheidung dokumentieren – sie ist die Baseline für die spätere Rechnungsprüfung.
Vertiefung: Frachtausschreibung auswerten und Ergebnisse aufbereiten
Schritt 7
7. Nach der Vergabe: Einsparungen absichern
Eine Ausschreibung ist erst dann erfolgreich, wenn die vereinbarten Konditionen auch abgerechnet werden. In der Praxis weichen Rechnungen regelmäßig vom Vertragstarif ab – durch falsche Zonen, veraltete Zuschläge oder nicht vereinbarte Nebenkosten. Ohne systematische Prüfung verschwindet ein Teil der verhandelten Einsparung wieder.
- Vergebene Tarife digital hinterlegen und jede Rechnung automatisch dagegen prüfen.
- Abweichungen kategorisieren und wiederkehrende Fehlerbilder mit der Spedition klären.
- Frachtkosten-KPIs laufend messen: Kosten je Sendung, je Kilogramm, je Relation, Zuschlagsquote.
- Ergebnisse in die nächste Ausschreibung übernehmen – so wird jede Runde belastbarer.
Vertiefung: Frachtrechnungsprüfung mit Software
8. Die häufigsten Fehler in Frachtausschreibungen
Ausschreibung auf Durchschnittswerten
Durchschnittsgewichte glätten genau die Sendungen, die teuer sind. Gerechnet wird immer auf Einzelsendungsebene.
Zuschläge nicht mitgerechnet
Diesel, Maut, Avisierung und Wartezeit machen häufig einen zweistelligen Prozentanteil aus – ein Tarifvergleich ohne Zuschläge ist wertlos.
Freie Excel-Formate zugelassen
Unterschiedliche Zonen- und Staffellogiken machen Angebote unvergleichbar und erzeugen tagelange Nacharbeit.
Zu enger Zeitplan
Ohne Rückfragephase kalkulieren Speditionen Risikoaufschläge ein – das kostet mehr, als die gesparte Zeit wert ist.
Vergabe ohne Nachkontrolle
Ohne Rechnungsprüfung gegen den vergebenen Tarif bleibt ein Teil der verhandelten Einsparung auf der Strecke.
Ein Sonderfall ist die Grundsatzfrage der Vergabestruktur: Hauptspediteur oder Multi-Carrier – beide Modelle funktionieren, aber nur, wenn sie vorher durchgerechnet wurden.
9. Wann sich eine Ausschreibungs-Software lohnt
Der Aufwand einer Ausschreibung steigt nicht linear, sondern multiplikativ: Anzahl Sendungen × Anzahl Angebote × Anzahl Szenarien. Genau an dieser Stelle stößt Excel an seine Grenzen. Eine Ausschreibungs-Software rechnet jedes Angebot automatisch auf die reale Sendungsstruktur nach, simuliert Vergabeszenarien und liefert die Auswertung direkt stakeholdergerecht.
Details dazu: Frachtausschreibung Software – Funktionen, Ablauf und Auswahl oder direkt zum Produkt: ShipCheck Tendering.
10. Häufige Fragen zur Frachtausschreibung
Wie lange dauert eine Frachtausschreibung?
Von der Datenaufbereitung bis zur Vergabe dauert eine strukturierte Frachtausschreibung typischerweise acht bis zwölf Wochen. Der größte Zeitblock ist meist die Aufbereitung der Sendungsdaten; mit digital vorliegenden Abrechnungsdaten und einer Tender-Software verkürzt sich dieser Teil erheblich.
Welche Daten brauchen Speditionen für ein belastbares Angebot?
Eine Sendungsliste auf Einzelsendungsebene mit Datum, Versand- und Empfangsort, Gewicht, Lademetern oder Paletten, Verkehrsträger sowie den relevanten Zusatzleistungen. Ergänzend gehören Servicelevel, Laufzeitanforderungen und die geplante Mengenentwicklung dazu.
Wie oft sollte man Frachtkosten ausschreiben?
In stabilen Märkten hat sich ein Rhythmus von 12 bis 24 Monaten bewährt. Bei stark schwankenden Kapazitäten oder deutlichen Volumenveränderungen kann eine frühere Ausschreibung oder eine Nachverhandlung einzelner Relationen sinnvoll sein.
Single-Carrier oder Multi-Carrier – was ist besser?
Ein Hauptspediteur reduziert Steuerungsaufwand und schafft Volumenbündelung, erhöht aber die Abhängigkeit. Eine Multi-Carrier-Vergabe sichert Kapazität und Wettbewerb, kostet dafür mehr Managementaufwand. Die Entscheidung sollte über gerechnete Vergabeszenarien getroffen werden, nicht nach Bauchgefühl.
Wie viel lässt sich mit einer Frachtausschreibung einsparen?
Das Einsparpotenzial hängt von Ausgangstarif, Marktlage und Datenqualität ab. Entscheidend ist weniger der Prozentsatz als die Methodik: Wer auf Sendungsebene rechnet, Zuschläge vollständig einbezieht und die Vergabe anschließend über die Rechnungsprüfung absichert, realisiert die verhandelten Konditionen tatsächlich.
Braucht man für eine Frachtausschreibung eine Software?
Kleine Ausschreibungen lassen sich in Excel abwickeln. Sobald mehrere Anbieter, Verkehrsträger und tausende Sendungen im Spiel sind, wird die Nachrechnung jedes Tarifs auf jede Sendung manuell nicht mehr beherrschbar – hier übernimmt eine Ausschreibungs-Software die Simulation und Szenariorechnung.
Alle Artikel zum Thema
Nächste Ausschreibung mit ShipCheck rechnen
Angebote auf Sendungsebene nachrechnen, Vergabeszenarien simulieren und die vergebenen Tarife anschließend automatisch gegen jede Rechnung prüfen.